Bei Brigitte und Walter

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Die Schrecksekunde

Der eigentliche Feind des Motorradfahrers: Der SCHRECK:

Seltsame Dinge geschehen im Ernstfall. Beim Ausweichen um ein vorfahrt nehmendes Auto vergisst der Fahrer, die Kupplung zu ziehen. In seiner Verkrampfung reißt er versehentlich das Gas auf und schießt mit seinem Motorrad in den Gegenverkehr.

Es liegt im Notfall nicht daran, dass der Biker alles vorher Gelernte vergessen hat, sondern um den Situationsdruck, im Extremfall um den Schreck. Ihm kommt beim Motorradfahren eine sehr große Bedeutung zu, wesentlich höher als gemeinhin angenommen. Er ist der eigentliche Feind.
Häufig sind ja ein Sturz oder ein Unfall gar nicht die direkten Folgen irgendeines Störereignisses, sondern das Störereignis hat nichts weiter ausgelöst als den Schreck des Fahrers. Der macht daraufhin erst den eigentlichen Fehler, welcher zum Sturz oder Unfall führt.
Meistens folgt nicht nur ein einziger Fehler auf den Schreck, sondern eine ganze Anzahl von Fehlern in dichtester Folge, so dass man von einer regelrechten Fehlerkaskade sprechen kann, die vom Schreck "gezündet" worden ist.

Das auslösende Ereignis - das kann alles Mögliche sein. Es kann von außen auf uns zukommen oder selbst herbeigeführt sein: ein schleuderndes Auto, ein überraschender Linksabbieger, ein in der Kurve unvermittelt auftauchender Ölfleck, aber auch die plötzliche, wenn auch vielleicht falsche Einsicht, für eine Kurve zu schnell zu sein. Es gibt nun mal unzählige Möglichkeiten zu erschrecken. Bei vielen abwendbaren Unfällen sind die meisten solche, bei denen der Schreck als Zwischenglied eine entscheidende Rolle für den weiteren Verlauf spielt. Wäre der Fahrer nicht erschrocken, mit dem auslösenden Ereignis allein wäre er zurechtgekommen. Der Feind ist der Schreck.

Ein einigermaßen routinierter Motorradfahrer steht in einer engen Verbindung mit seinem Motorrad. Es sind zahlreiche Regelkreise aufgebaut, in die Fahrzeug und Fahrer gemeinsam einbezogen sind, ohne dass der Fahrer sehr viel davon verspürt. Die Regelung selbst erfolgt äußerst feinfühlig über Automatismen mit mühsam antrainierten Verhaltensprogrammen. Je besser trainiert der Fahrer ist, desto feiner ist die Verflechtung zwischen ihm und seiner Maschine.

Aus diesem feingewobenen System steigt der Fahrer schlagartig aus, wenn er erschrickt.
Dabei geschieht viel Schlimmeres, als man von außen auf den ersten Blick sehen kann. Die körperlichen Veränderungen betreffen vor allem die vegetativen Funktionen: Die Herzfrequenz schnellt hoch, die Atmung wird sofort flacher und verläuft gepresst. Gleichzeitig spannt der Fahrer weite Bereiche seiner Muskulatur an, die Hände klammern sich um die Lenkergriffe, Zähne und Lippen sind zusammengepresst, die Gesäßmuskeln angespannt.

Der Blick "fällt runter"
Schreck ist ein unlustbetonter Affekt, der als Reaktion auf ein plötzlich und überraschend eintretendes Ereignis auftritt, das als bedrohlich erlebt wird (aber nicht unbedingt auch objektiv bedrohlich sein muss). Da er ein Affekt ist, kann er kaum willentlich-verstandesmäßig beeinflusst werden. Wichtig sind die 3 genannten Bedingungen: plötzlich, überraschend, bedrohlich. Plötzlich allein genügt nicht. Es gibt tausend plötzlich eintretende Ereignisse jeden Tag, die uns nicht im geringsten erschrecken. Alle drei Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit es zum Schreck kommt. Hier liegt der Schlüssel zu einem besseren Umgang mit der Schreckgefahr.

Wenn es gelingt, einer dieser Voraussetzungen auszuschalten, ist die Gefahr gebannt. Ein schreckauslösendes Ereignis ist dann nicht mehr so überraschend, wenn wir auf dessen möglichen Eintritt vorbereitet sind. Es kommt dann zwar ebenso plötzlich, aber nicht mehr unerwartet und es erschreckt uns deshalb nicht mehr. Und ein schreckauslösendes Ereignis, das wir schon mehrmals erfolgreich bewältigt haben, ist uns vertraut, so dass wir es längst nicht als so bedrohlich erleben wie etwas völlig Unbekanntes. Der gut Trainierte wird also ungleich seltener erschrecken, denn er erlebt eine viel geringere Zahl von Ereignissen als bedrohlich.

Das ist mit ein Grund, warum bei Fahrtrainings ganz bestimmte Situationen systematisch geübt werden. Etwa Vollbremsungen auch aus höheren Geschwindigkeiten, absichtliches Überbremsen und damit blockierendem Hinterrad, kurzes Anreißen der Vorderradbremse bis zum Blockieren, Bremsen in der Kurve, ungewohnte Schräglagen auf der Kreisbahn bis zum Aufsetzen, Ausweichen um Hindernisse mit und ohne vorheriges Bremsen.

Werden diese Übungen unter sachkundiger Anleitung durchgeführt, dann ist das objektive Risiko minimal. Das erlebte Risiko dagegen ist zunächst hoch, baut sich jedoch bei Wiederholung relativ rasch ab: Die Situation verliert ihre Bedrohlichkeit.

Allerdings gibt es Situationen, die viel zu gefährlich sind, als dass man sich durch absichtliches Herbeiführen mit ihnen vertraut machen könnte. Aber selbst bei diesen gibt es eine reelle Chance, unsere Ausgangslage zu verbessern. Wir können uns im mentalen Training durch intensives Vorstellen in möglichst entspanntem Zustand immer wieder mit einer solch schreckauslösenden Situation konfrontieren und den richtigen Handlungsablauf mental einüben. Das ist die große Möglichkeit des mentalen Trainings. Mit dem mentalen Training muss man nicht wie beim realen Training innehalten, weil das Trainieren zu gefährlich würde. Man denke an so haarige Situationen wie zum Beispiel Öl oder Splitt in einer Kurve mit Gegenverkehr. Da heißt die mental trainierbare Reaktion wieder: Legen, legen, legen, selbst wenn dabei die Haftgrenze überschritten wird, aber keinesfalls den Kurvenradius vergrößern.

Ich kann auch hier jedem Motorradfahrer nur ans Herz legen, sooft wie möglich zu üben. Jede Übung, jede Gefahrensituation, die man gemeistert hat, bringt mehr Sicherheit und das beruhigende Gefühl: Das kann ich, das habe ich schon einmal geschafft.

Quellen:
ADAC, MEX, Die Zeit, Motorrad, Bartz Rennstreckentraining
 

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Letzte Änderung am 19.11.2017